Freie Ohren, satter Sound? Knochenschall-Kopfhörer wie der Shokz OpenRun Pro 2 versprechen maximale Sicherheit beim Sport, ohne dass die Playlist auf der Strecke bleibt. Doch bisher hieß Knochenschall oft: No Bass und dünner Klang. Löst das OpenRun Pro 2-Modell endlich das größte Problem der Technik?

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Shokz OpenRun Pro 2 | 199 € | 30 g in Größe Standard | Hersteller-Website

Die Idee hinter dem Shokz OpenRun Pro 2 klingt im ersten Moment fast wie Science-Fiction: Anstatt kleine Lautsprecher in die Gehörgänge zu stopfen oder die Ohren mit dicken Polstern abzudecken, liegen diese Kopfhörer lediglich vor dem Ohr auf den Wangenknochen auf. Die sogenannte Bone-Conduction-Technologie (Knochenschall) überträgt dabei die Schallwellen als feine Vibrationen direkt ans Innenohr. Die Ohren selbst bleiben dabei völlig frei.

Der Clou beim neuen Pro 2: Um das bauarbedingte Problem bei tiefen Bassfrequenzen des Vorgängers zu beheben, verbaut Shokz zusätzlich einen winzigen Luftschall-Treiber – einfacher gesagt: einen kleinen Lautsprecher. Dieses Hybrid-System nennt der Hersteller „DualPitch“.

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Hier sieht man die Öffnungen für die kleinen Lautsprecher, die zusammen mit …
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… der Bone-Conduction-Technologie für einen satten Sound sorgen sollen.

Der Vorteil des gesamten Konzepts im Vergleich zu herkömmlichen Kopfhörern liegt auf der Hand: Wer in der Stadt joggt, auf dem Bike ballert oder beim Workout im Park nicht von der Außenwelt abgeschnitten sein möchte, behält seine volle Umgebungswahrnehmung. Herannahende Autos, Fahrradklingeln oder Zurufe dringen ungefiltert durch, während gleichzeitig die Motivations-Tracks oder der Lieblings-Podcast laufen.

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Damit das Ganze beim Sport an Ort und Stelle bleibt, setzt Shokz auf einen leichten Nackenbügel aus einer Nickel-Titan-Memory-Legierung. Damit der auch wirklich sicher sitzt, gibt es den Kopfhörer in einer Standard- und einer Mini-Ausführung für verschiedene Kopfgrößen. Dank IP55-Zertifizierung ist er zudem bestens gegen Staub, Schweiß und Regen geschützt – nur vom Tauchgang im Meer solltet ihr absehen. Soweit die Theorie. Doch wie fühlt sich dieser vibrierende Hybrid-Sound in der Praxis eigentlich an?

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Was ist eigentlich ein Knochenschall-Kopfhörer? Herkömmliche Kopfhörer senden Schallwellen durch die Luft in den Gehörgang, wo sie das Trommelfell zum Schwingen bringen. Knochenschall-Kopfhörer (Bone-Conduction) gehen einen völlig anderen Weg: Sie werden nicht in oder auf das Ohr gesteckt, sondern sitzen knapp davor auf den Wangenknochen. Von dort senden sie winzige, kaum spürbare Vibrationen durch den Schädelknochen direkt an das Innenohr. Das Trommelfell wird dabei komplett umgangen. Der riesige Vorteil dieses Setups: Der Gehörgang bleibt zu 100 % frei. Hörgeräte lassen sich z. B. zusammen mit einem Knochenschall-Kopfhörer nutzen, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen.

Herstellerangaben: Welche Unterschiede gibt es zwischen Shokz OpenRun Pro und OpenRun Pro 2?

Produktname OpenRun Pro 2 OpenRun Pro
Akustik-Technologie DualPitch TurboPitch
Gewicht 30,3 ±0,5 g 29 g
Akkulaufzeit 12 h 10 h
Schnellladefunktion 5 min aufladen für 2,5 h Nutzung (Musikwiedergabe) 5 min aufladen für 1,5 h Nutzung (Musikwiedergabe)
Bluetooth-Version Bluetooth 5.3 Bluetooth 5.1
Mikrofon 2 windresistente Mikrofone mit Geräuschunterdrückung 2 Mikrofone mit Geräuschunterdrückung
Auflademethode USB-C USB-C
Equalizer 4 voreingestellte EQs + 2 benutzerdefinierte Modi (in der App) 2 voreingestellte EQs
Preis 199 € 139 €

Shokz OpenRun Pro 2 im Praxistest: Klangqualität, Bass und Tragekomfort

Legt man den Shokz OpenRun Pro 2 zum ersten Mal an, ist das Gefühl erst einmal … ungewohnt. Der flexible Nackenbügel sorgt dafür, dass die kleinen Schallwandler mit leichtem, aber angenehmem Druck vor den Ohren sitzen. Zugegeben: Die leichte Cyborg-Optik ist speziell, aber am Ende definitiv unauffälliger und sportlicher als riesige Over-Ear-Muscheln. Das Pairing läuft erfreulich simpel ab: Plus-Taste gedrückt halten, bis die Stimme die Verbindung bestätigt. Dank deaktivierbarer Multipoint-Bluetooth-Technik wechselt das Headset danach nahtlos zwischen Laptop und Smartphone.

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Soundcheck: Wie klingt Knochenschall 2.0? Machen wir uns nichts vor: Wer hier audiophile Wunderwerke, markerschütternde Bässe oder eine gigantische Klangbühne erwartet, muss seine Erwartungen direkt anpassen. Der Sound ist klar und für Podcasts oder den neuesten Taylor-Swift-Banger beim Intervalltraining absolut ausreichend, lässt aber naturbedingt das Volumen und den Punch abdichtender In-Ears vermissen.

Das große Plus liegt jedoch im Upgrade: Durch die neue Kombination aus Knochenschall und klassischen Luftschall-Lautsprechern (für den Bass) klingt der Pro 2 deutlich voller als sein Vorgänger. Und der größte Nervfaktor ist Geschichte: Das berüchtigte „Kitzeln“ an den Schläfen bei basslastigen Tracks ist kaum noch spürbar. Doch Vorsicht beim Flexen in der U-Bahn: Wer den Bass voll aufdreht, beschallt unweigerlich den Vierer-Sitz gegenüber. Die Wandler strahlen den Ton nämlich auch nach außen ab (Sound Leakage) – und plötzlich hört das halbe Abteil mit, was auf deiner Guilty-Pleasure-Playlist läuft.

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In der Shokz App kann man vorgefertigte Soundprofile auswählen oder …
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… selbst mit dem Equalizer spielen.

Die Kehrseite der offenen Ohren: Da die Ohren komplett frei bleiben, mischt sich der Sound unweigerlich mit den Umgebungsgeräuschen. Was im Straßenverkehr lebensrettend sein kann, wird bei einem Telefonat an einer stark befahrenen Hauptstraße schnell zur Geduldsprobe. Ist der Verkehr zu laut, übertönt er schlichtweg den Kopfhörer – und man kann sich den Knopf ja schlecht tiefer ins Ohr drücken. Dafür kann man sich die Ohren zuhalten, dann fungiert nur noch der Knochenschall, was auch praktisch ist, aber auch etwas seltsam aussieht. Ein ähnliches Problem zeigt sich auf dem Bike: Ab einer gewissen Geschwindigkeit ist der Fahrtwind so laut, dass man vom True-Crime-Podcast kaum noch ein Wort versteht.

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Bedienung, Telefonie & ein kleiner Wasser-Haken: Egal, wie hart das Workout ist: Die Bedienung über die drei physischen Tasten (Lauter/Leiser an der Unterseite, großer Action-Button am linken Wandler) funktioniert tadellos – selbst mit verschwitzten Fingern oder Handschuhen. Ein Knopfdruck reicht, um Songs zu pausieren oder Anrufe anzunehmen. Auch Siri und Co. lassen sich über den am linken Wandler sitzenden Button aufrufen. Telefonieren geht, ist aber eher als Notlösung zu sehen. Das können die meisten In-Ears sogar besser. Für den kurzen Anruf zuhause oder einen Notruf reicht es aber allemal.

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Ein echter Dauerläufer ist der Shokz beim Akku. In unserem ausgiebigen Testzeitraum hat uns die Ausdauer überzeugt – hier hält der OpenRun Pro 2 definitiv länger durch als die meisten In-Ears mit aktiviertem Noise-Cancelling. Bei einer täglichen Nutzung von einer Stunde reicht eine Ladung locker für eine Woche. Und falls doch mal der Saft ausgeht, rettet einen der heiß ersehnte USB-C-Anschluss: 5 Minuten am Kabel liefern direkt wieder Saft für 2,5 Stunden Musik.

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Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings bei absoluten Hardcore-Workouts: Wer extrem stark schwitzt, läuft Gefahr, dass sich der Schweiß in die kleinen Lautsprecheröffnungen des Luftschall-Treibers verirrt – und dann leidet der Klang merklich, bis alles wieder trocken ist. Ein Mal ordentlich ausschütteln während des Workouts schafft aber hier meist Abhilfe.

Rechtlicher Exkurs – Sicherheit geht vor: Zum Schluss noch ein wichtiges Wort zur Gesetzeslage, besonders für die Gravel- und Commuter-Fraktion: Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) darf das Gehör nicht so stark beeinträchtigt werden, dass man Warnsignale wie Hupen oder Sirenen überhört. Normale In-Ears mit starkem ANC bewegen sich da oft in einer gefährlichen Grauzone. Mit dem offenen Design des Shokz OpenRun Pro 2 seid ihr rechtlich und sicherheitstechnisch absolut auf der sicheren Seite.

Kaufberatung: Für wen lohnt sich der Shokz Knochenschall-Kopfhörer?

Machen wir es kurz: Der Shokz OpenRun Pro 2 ist kein Kopfhörer für jedermann und definitiv nichts für klangverliebte HiFi-Enthusiasten oder Menschen, die dauerhaft extrem schnell auf dem Bike unterwegs sind. Er ist vielmehr ein hochspezialisiertes Werkzeug für Sportler. Wer viel draußen läuft oder beim Workout zwingend auf die Umgebung achten muss, findet hier den perfekten Kompromiss aus Entertainment und Überlebenstrieb. Sucht man allerdings einen Daily-Driver für den lauten ÖPNV oder das Großraumbüro, ist er schlichtweg die falsche Wahl. Wegen der fehlenden Lärmisolierung und des hörbaren „Sound Leakage“ nach außen nervt das nicht nur einen selbst, sondern auch die Mitmenschen. Auch Vieltelefonierer sollten im Hinterkopf behalten, dass das Gegenüber einen nicht immer so sauber versteht wie mit einem klassischen Telefon oder einem Kopfhörer mit besserem Mikro. Ein besonderer Tipp könnte der Shokz OpenRun Pro 2 für Hörgeräteträger beim Fernsehen sein: Sie können ihre Umgebung normal über die Hörgeräte wahrnehmen, hören den TV-Sound dennoch einwandfrei über den ins Innenohr projizierten Schall der Kopfhörer.

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Fazit zum Test: Ist der Shokz OpenRun Pro 2 sein Geld wert?

Ganz klar: Ja! Für knapp 200 € bekommt ihr einen Sportkopfhörer, der exakt das tut, was er soll: Er liefert den Soundtrack fürs Training, ohne euch von der Welt abzuschirmen. Der dünnere Klang ist ein fairer Kompromiss für Sicherheit, während Tragekomfort und Akku-Laufzeit absolut spitze sind. Ein klares „Hot“ für alle Sportler!

Tops

  • Ohren bleiben frei
  • fester Halt, leicht & bequem auch mit Brille
  • schweiß- & wasserresistent für harte Workouts (IP55)
  • starke Akku-Laufzeit & USB-C-Schnellladefunktion

Flops

  • dünner Bass & leichtes Kitzeln an den Schläfen bei hoher Lautstärke
  • Sound Leakage: Musik ist für Sitznachbarn hörbar
  • Mikrofon-Schwächen: Das Gegenüber versteht einen beim Telefonieren oft schlecht

Mehr Information findet ihr unter Shokz.com

Words & Photos: Robin Ulbrich, Patrick Gruber

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