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Meine Mom zittert. Vielleicht liegt es an der Aufregung, vielleicht auch an der Nacht im Dachzelt, in der sie kaum ein Auge zugemacht hat. Die Sonne ist gerade über dem Monument Valley aufgegangen und taucht die roten Felsen in dieses fast unwirkliche Licht, das man aus Westernfilmen und alten Marlboro-Werbungen kennt. Nur dass wir diesmal nicht davorstehen und ein Foto machen.
Gleich treffen wir uns mit ein paar Natives des Navajo-Volks, die uns mit ihren Pferden hinaus in diese Landschaft führen werden. Für meine Mom ist das eine ziemlich große Sache. Sie hatte ihr Leben lang Angst vor Pferden. Bei einer Freundin in Flagstaff hatten wir sie dann vor ein paar Tagen zum ersten Mal auf ein Pferd gesetzt – und zwar direkt auf einen Mustang. Ein paar Runden im Round Pen, sicherer Boden, alles entspannt. Es lief erstaunlich gut und irgendwo zwischen Aufsteigen und Absteigen war aus „Auf keinen Fall“ ein vorsichtiges „Vielleicht doch“ geworden. Doch jetzt ist von diesem Selbstvertrauen nicht mehr viel zu spüren.

Nicht alle von uns werden ins Monument Valley reisen. Doch was ich sagen will: Man muss kein Abenteurer sein, um Abenteuer zu erleben. Man muss nur anfangen, sein eigenes Leben ein bisschen weniger zu verwalten und ein bisschen mehr zu gestalten.
Und genau darum geht es auch in dieser Ausgabe von DOWNTOWN: Was fangen wir alle eigentlich mit den unzähligen Dingen und Möglichkeiten an, die uns heute zur Verfügung stehen? Um Antworten zu finden, sind wir für diese Ausgabe nach draußen gegangen: Wir haben Bikepacking-Zelte und Camping-Kaffeemaschinen getestet, beim Töpfern ganz bewusst wieder die eigenen Hände dreckig gemacht und kritisch hinterfragt, ob uns Wearables wirklich helfen, unseren Körper besser zu verstehen. Bei den Tests und Stories ebenso wie während meines Electric-Overlanding-Trips entlang der kalifornischen Küste mit dem Specialized Levo X zeigte sich am Ende dieselbe Erkenntnis: Das beste Produkt ist nicht automatisch das teuerste, smarteste oder technisch beeindruckendste. Jedes noch so gute Werkzeug ist immer nur so viel wert wie das, was man daraus macht.
Wir können uns heute fast alles kaufen. Das beste Bike, das leichteste Zelt, die schönste Kaffeemaschine, die neueste Smartwatch. Wir können 300 Dollar für ein Motel in Lake Tahoe bezahlen, dabei den Fernseher des Nachbarn durch die Wand hören und uns ausgerechnet von jener Welt abschotten, wegen der wir überhaupt hergekommen sind. Oder ein paar Kilometer weiter draußen schlafen, morgens den Reißverschluss öffnen, Wasser aufsetzen und feststellen, dass Kaffee selten besser geschmeckt hat.
Dabei geht es mir gar nicht darum, weniger zu besitzen. Ich liebe gute Produkte. Ich liebe Dinge, die clever gemacht sind, die funktionieren und Möglichkeiten eröffnen. Aber was sie für unser Leben wert sind, entscheidet sich erst darin, was wir daraus machen. Der springende Punkt ist: Sie ersetzen das Erlebnis nicht.
Was bringt das beste Bike, wenn wir nicht damit fahren? Das teuerste Zelt, wenn es im Keller liegt? Die schönste Kaffeemaschine, wenn wir uns für den Kaffee keine fünf Minuten Zeit nehmen? Und was bringt uns eine Watch, die jedes Detail unseres Körpers kennt, wenn wir darüber verlernen, ihn selbst zu spüren?
Zunehmend lagern wir nicht nur körperliche Arbeit und Wissen aus, sondern auch Orientierung, Entscheidungen und inzwischen sogar Teile unseres Denkens. Die Watch sagt uns, wie gut wir geschlafen haben, Google sagt uns, wohin wir fahren sollen, und die KI liefert innerhalb von Sekunden eine überzeugende Antwort auf fast jede Frage. Das alles ist unglaublich praktisch und ich nutze – abgesehen von der Smartwatch – fast alles davon selbst jeden Tag. Das Problem sind nicht die Werkzeuge. Das Problem beginnt dort, wo wir ihnen mehr vertrauen als uns selbst.
Wenn meine Watch behauptet, ich hätte schlecht geschlafen, obwohl ich mich großartig fühle – wem glaube ich dann? Und wenn die KI mir innerhalb von Sekunden sagt, was ich denken könnte – nehme ich mir noch die Zeit herauszufinden, was ich eigentlich selbst denke? Die entscheidende Frage ist nicht, ob Technologie gut oder schlecht ist, sondern: Wer sitzt am Steuer?
Ein gutes Leben ist nicht zwingend ein reibungsloses Leben. Beim Reisen sind es oft die Umwege, über die wir später erzählen. Beim Abenteuer die herausfordernden und spontanen Momente. Und beim Töpfern ausgerechnet die schiefe Schale, die mehr Persönlichkeit hat als die perfekt aufgestellte aus der Boutique. Selbstvertrauen entsteht genauso: nicht dadurch, dass uns ein Gerät bestätigt, dass alles in Ordnung ist, sondern dadurch, dass wir ausprobieren, uns manchmal irren und lernen, uns selbst einzuschätzen.
Wir müssen wieder fühlen, bevor wir messen. Ausprobieren, bevor wir urteilen. Sonst besteht die Gefahr, dass wir zu Zuschauern unseres eigenen Lebens werden: perfekt informiert, bestens ausgestattet, permanent optimiert – und trotzdem immer öfter mit dem Gefühl, dass das eigentliche Leben irgendwo anders stattfindet.
Wenn ich mehr Zeit habe … Wenn ich fitter bin … Wenn ich genug Geld habe … Wenn ich mich bereit fühle … Wenn nur … Doch meist kommt dieser perfekte Moment nie.
Natürlich bedeutet das nicht, zu allem Ja zu sagen. Im Gegenteil. Ein gutes Leben braucht ebenso viele klare Neins. Die entscheidende Frage ist nur: Sage ich Nein, weil ich etwas wirklich nicht will – oder weil ich es mir nicht zutraue? Zwischen diesen beiden Antworten können ganze Welten liegen.
Auch Sinn ist nichts, das wir irgendwo finden müssen. Wir geben unserem Leben Sinn und entscheiden selbst, was für uns Bedeutung hat – die Menschen, mit denen wir unsere Zeit verbringen, das, was wir ausprobieren, erschaffen und lernen, und die Momente, die wir selbst möglich machen. Was davon zählt, ist für jeden etwas anderes. Genau darin liegt die Freiheit: Auch den Sinn unseres Lebens müssen wir selbst gestalten.
Ein gutes Leben lässt sich nicht konsumieren. Wir müssen es selbst gestalten. Und dafür braucht es viel weniger, als wir denken. Kein neues Leben, keine Weltreise und auch nicht zwangsläufig ein Pferd im Monument Valley. Es reicht, beim nächsten Mal nicht automatisch Nein zu sagen, einen anderen Weg zu nehmen, das Bike aus dem Keller zu holen, draußen zu schlafen, jemanden anzurufen oder etwas anzufangen, von dem man noch nicht weiß, ob man es kann.
Das Leben wartet. Aber es kommt nicht zu dir. Life awaits. Go create it. Und wenn meine Mom es mit fast 70 kann, dann können wir es auch.
Viel Spaß mit dieser Ausgabe!
Robin Schmitt,

Robin Schmitt
PS: Ich freue mich über euer Feedback und Gedanken zur Ausgabe oder einzelnen Stories – schreibt mir gern unter robin@downtown-mag.com
Words: Robin Schmitt Photos: diverse




