Für manche Dinge im Leben kann man gar nicht bereit sein. Ich hatte 7 Monate Zeit, um mich vom Anfänger auf das härteste Pferderennen der Welt vorzubereiten: Reiten lernen. Navigieren. Und in der Wildnis überleben. Pass of Tears. Alles sprach gegen mich. Nur dieser eine Gedanke nicht: dass ich am Ende siegen würde.

Die Pferde scharren mit den Hufen. Nervosität liegt in der Luft. Gerade erst habe ich mein Pferd Gitana gesattelt – und schon stehe ich an der Startlinie. Ich frage mich: Was wird in den nächsten Tagen uns allen widerfahren? Wer wird stürzen? Wer wird sich durchschlagen – wer scheitern?

In Slow-Motion ziehen die Gedanken an mir vorbei. Vor Aufregung fühlt es sich so an, als ob das alles gar nicht real ist. Zehn Tage liegen vor uns – und trotzdem verdichtet sich alles auf diesen einen Moment. Und der dehnt sich. Organisator Jako hebt das Gewehr in die Luft. Und zielt. Und zielt. Und zielt.

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Eine Ewigkeit vergeht. Die Zuschauer werden nervös. Die Reiter auch. Wann geht es endlich los? Peng. Der Schuss überrascht fast alle. Keine Sekunde später galoppieren 32 Reiter aus aller Welt los. Und ich bin der Erste, der scheitert.

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Als Fahrschüler zur Paris-Dakar

Alles begann auf Instagram. Eigentlich wollten unser Art Director Julian und ich einen Bikepacking-Trip durch Portugal machen. Dann kam dieser Gedanke: Es wäre cool, das Ganze auf Pferden statt auf Carbon-Drahteseln zu machen: Marlboro-Cowboy-Vibes, Lagerfeuer und Trail Riding entlang Europas Westküste.

Ich begann über Horseback Riding zu recherchieren und auf einmal spuckte mir der Algorithmus @Jakotango aus. Wenig später tauchte „Pass of Tears” in meinem Feed auf. Ein Rennen, das von den zwei Argentiniern Rama und Negro sowie dem Österreicher Jako organisiert wurde. Der Claim: „Insane Patagonian Horse Race”. Ohne nachzudenken, wusste ich: That’s me! Das muss ich machen. Ich wusste zwar noch nicht, wie, aber…

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Sieben Monate später sitze ich in Patagonien. Das Race Briefing ist gerade fertig. Wir Teilnehmer quatschen noch ein bisschen und lernen uns kennen. Toby Coles, ein extrem erfahrener Reiter aus UK, schaut mich kopfschüttelnd an: „Du verarschst mich, oder? Vor sieben Monaten deine erste Reitstunde – und dann meldest du dich dafür an?” Die südafrikanische Crew hatte mich ohnehin schon abgeschrieben: „The German Cowboy? No chance.”

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Zugegeben: Für viele klingt das komplett verrückt – ungefähr so, als würde man sich direkt nach dem Kfz-Führerschein für die Paris–Dakar anmelden. Trotzdem hatte ich ein paar Asse im Ärmel. Und ein paar smarte Trainings-Tricks.

The Insane Patagonian Horse Race – Pass of Tears

Zehn Tage auf zwei Pferden, 400 Kilometer durch die abgelegensten Winkel Patagoniens – self-supported mit eigenem Essen, Zelt und ohne Handyempfang. Zehn Stunden pro Tag im Sattel. Schlafen bei Minustemperaturen. Wege, die gar nicht existieren oder man erfinden muss: entlang von Gletschern, Klippen und Abhängen. Durch tiefe Sümpfe, Flüsse, Seen, verbarrikadierte Wälder und messerscharfe Steinfelder.

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Egal wie gut man reiten kann – Pass of Tears verlangt mehr. Mir war klar: Dieses Rennen meistert man nicht alleine mit Skills. Sondern mit dem richtigen Mindset, exzellenter Navigation und Konstanz. Mit Horsemanship, Outdoor-Skills, einer gesunden Selbsteinschätzung – und der Fähigkeit, mit Alleinsein, Zweifeln, Verzweiflung und Ängsten umzugehen. Ganz ehrlich: Wie wahnsinnig dieses „Insane Patagonian Horse Race” wirklich ist, hätte ich nie geglaubt. Plot-Twist: Ich konnte nicht mal gut reiten. Ich konnte gar nicht reiten.

Trainieren wie ein Profi-Urlauber

Also: Wie bereitet man sich als Reitanfänger auf das härteste Pferderennen der Welt vor? Und warum war es mir nach meiner letzten Trainingseinheit komplett egal, ob ich nach Patagonien reisen und das Rennen wirklich machen würde?

Lernen ist Einstellungssache. Genauso wie das, was wir als hart oder unangenehm empfinden. Und statt mir einfach den professionellsten oder erstbesten Trainer zu suchen, begann ich, mir grundlegende Fragen zu stellen: Was könnte in Patagonien auf mich zukommen? Wie lerne ich am besten? Was kann ich kontrollieren – und was nicht? Und wie gehe ich am souveränsten mit Variablen und Unsicherheiten um?

Statt strikten Trainingsplänen aus Theoriegebäuden zu folgen, habe ich mein Training wie Abenteuer und Expeditionen aufgebaut. Schließlich ist Pass of Tears ein Abenteuerrennen, bei dem so viel Unvorhergesehenes passieren kann. Mit Unsicherheiten umzugehen und zweifelhafte Entscheidungen zu treffen, würde essenziell sein. Deshalb wollte ich auch möglichst viele „Kein-Plan-wie-ich-das-jetzt-schaffen-soll”-Momente haben. Statt nur den Körper und die Skills, wollte ich vor allem meinen Kopf trainieren.

Meine Strategie war ziemlich simpel: mich in möglichst viele unterschiedliche Situationen zu bringen, möglichst viele verschiedene Pferde und Terrains zu reiten und unterschiedliche Ställe mit unterschiedlichen Philosophien in verschiedenen Ländern kennenzulernen. Um das Maximum herauszuholen, nahm ich mir kurze Tages-Recaps vor, die jeweils in einem flexiblen To-Do-Liste mündeten: Was fehlt mir jetzt gerade? Was kann ich morgen machen und wo lerne ich das am besten?

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Ich wusste: Allein in Deutschland würde ich derart in rigiden Trainingsstrukturen und Vorsichtsmaßnahmen feststecken, dass ich das, was ich in sieben Monaten lernen musste, dort nie lernen würde. Vermutlich hätte es zwei Jahre gedauert, bis ich überhaupt mal hätte galoppieren dürfen – an der Leine. Verkopft und viel zu perfektionistisch. Man ballert sich so viel Theorie in den Kopf, dass man mehr denkt als fühlt. Aber Pferde muss man fühlen. Das weiß keiner besser als die argentinischen Gauchos. Für sie sind Gefühl und Verbindung zum Pferd das Wichtigste, die Technik ist erstmal sekundär. Das Gute: Warum sich für eine Sache entscheiden, wenn man auch einfach alles ausprobieren kann?

Ich hatte die Vorbereitungen für Pass of Tears so gestaltet, dass ich nur gewinnen konnte: coole, unterschiedliche Trainings und immer mit der richtigen Dosis Spaß und Abwechslung.

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Einen Monat nach meiner ersten Reitstunde unternahm ich den ersten Trip in die Dolomiten. Steiles, exponiertes Terrain – so fordernd, dass selbst manche Mountainbike-DH-Weltcup-Lines entspannt wirken. Übernachten in einer Berghütte, tiefroter italienischer Primitivo – self-supported konnte hier noch warten – und duschen im kalten Bergsee. Dankbarerweise ritt ich auf Haflinger-Pferden, die so stur, aber auch trittsicher sind, dass man mehr Passagier als Cowboy ist. Für den Anfang perfekt. Hier legte ich die Basis für technisches und loses Gelände. Und ich wusste: Einen Monat später komme ich wieder.

Zurück in Deutschland, feilte ich mit meiner exzellent anspruchsvollen Reitlehrerin an der Technik, analysierte, wo und warum ich mich unsicher fühlte, und stellte Fragen über Fragen. Die meisten Reitfehler projiziert man erstmal aufs Pferd: Warum reagiert es nicht darauf? Oder darauf? Der Schlüssel liegt – aua, Ego – in 95 % der Fälle bei einem selbst.

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Und dann dieses orientalische Märchen: Mit meiner erfahrenen Reitfreundin Anastasia ging es nach Marrakesch. 1001 Nacht – traumhafte Riads, Mehrtages-Treks, magische Beduinenzelte – und gezieltes Training, das so unscheinbar und doch so effektiv wirkte. Mein Gedanke: Wer mit einem Strahlen über das ganze Gesicht in Flip-Flops über den Strand galoppiert und mit 19 Jahren seinen eigenen kleinen Stall besitzt, muss etwas können. Und ja, konnte er. Von meinem jungen Reitlehrer und Guide Amine habe ich unglaublich viel gelernt – während wir Schabernack getrieben und uns halb totgelacht hatten: kontrollierte Stürze in den Sanddünen von Essaouira, Bareback-Reiten ohne Sattel zum Sonnenaufgang. Und Yallah-Gallops mit frischer Meeresluft in den Haaren über endlose Strände dem Sonnenuntergang entgegen. „Just do it.” Amine glaubte an mich. Und mit seiner Zuversicht im Rücken begann auch ich, immer stärker an mich zu glauben: versuchen, crashen, lachen, aufstehen – und noch mal. Hier und da kickte das Pferd aus, nicht alles war technisch sauber, aber es half enorm, um Berührungsängste abzubauen. Und manchmal sind die Dinge, vor denen wir am meisten Respekt haben, überraschend einfach: Ein aufbäumendes Pferd ist unglaublich kraftvoll und spektakulär – und wenn man es sich traut, fast enttäuschend einfach. Und gleichzeitig komplett überwältigend, dass so etwas nach vier Monaten Reiten überhaupt möglich war.

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Im Anschluss ging es noch weiter zu Youssef nach Agadir: ein Mehrtagestrip durchs Hinterland und die Küste entlang – inklusive Tajine-Lunchstop, natürlich. Youssef war einer von Amines Reitschülern. Mit Winghorses hatte er seinen eigenen Stall eröffnet, nachdem er erst vor sechs Monaten mit dem Reiten angefangen hatte. Zeit ist, was man daraus macht.

Marokko war ein echter Boost – junge Leute mit großen Träumen, die anpacken und einfach loslegen!

Alles sollte sich nicht nach „ich muss das jetzt” anfühlen, sondern „fuck, ich will das unbedingt erleben”. Ein starkes Rahmenprogramm an Orten, an denen ich noch nie war – und die ich ohne das selbstgesteckte Ziel Pass of Tears nie erreicht hätte. Schwups und siehe da: Jede einzelne Reise war so viel wert, dass mir am Ende sogar fast egal war, ob ich für Patagonien bereit war oder das Rennen überhaupt stattfinden würde.

Der krönende Abschluss kam über Neujahr in Ägypten: Vollgas-Galopps auf Vollblut-Araberhengsten, mit meinen Habibis Omar und Mango von Tal3t Kheal. Zwischen die Pyramiden von Gizeh hindurch, staubig-epische Sonnenuntergänge und ganz viel Yallah durch die Wüste. Dazwischen Museumsbesuche bei Tutanchamun und 4×4-Drifts mit Camping unter den Sternen. Irgendwann fühlte sich das Training nicht mehr wie Vorbereitung auf ein Rennen an – sondern wie genau das Leben, das ich eigentlich immer gesucht hatte.

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Zu Hause im deutschen Winter freute ich mich über den Schnee, packte meinen neuen Daunenschlafsack aus und übernachtete im weißen Wald. Meine Theorie: Lieber jetzt bei härteren Bedingungen schlafen, als in Patagonien das erste Mal damit konfrontiert zu werden. Dass aber dort ein Schneesturm aufziehen und unser Rennen ausgesetzt werden würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht …

Was machst du, wenn alles schiefläuft?

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Mein Pferd kämpft. Es versinkt im patagonischen Schlamm. Ich sehe die Erschütterung in seinen Augen. Es gibt auf. Panik schießt durch meinen Körper. Fuck, was habe ich da nur getan?

Mein Renntagebuch hätte nicht beschissener anfangen können. Tag 1 – und das erste, was ich aufschreibe, ist: Keep going. Gib jetzt bloß nicht auf.

Schließlich läuft am ersten Tag alles schief, was hätte schieflaufen können: Ich verirre mich, folge falschen Spuren. Der patagonische Wind drückt mich in einem natürlichen Steintor fast aus dem Sattel. Ich habe Hunger, falle vom Pferd. Mein Pferd dreht durch, rennt weg – und wird von einem anderen Rider gerade so noch eingefangen.

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In der Nacht bäumt sich Gitana plötzlich vor mir auf und trifft mich zweimal mit ihren Vorderhufen. Mein Schienbein ist blutig. Ich liege zitternd am Boden. Nour, eine Teilnehmerin hört meinen Schrei und rennt herüber, schaut mich an – und sieht mich lachen.

„Verdammt, hätte ich nicht besser aufpassen können?” Dieser Gedanke blitzt kurz auf, dann lache ich trotz der Schmerzen los. Der Schock ist da – aber was soll’s? Nichts ist gebrochen. Ich lebe noch. Ich weiß: Es werden noch viel mehr Dinge in den nächsten Tagen schiefgehen. Aber nur, solange ich sie als „schieflaufen” bewerte. Missgeschicke werden uns allen passieren – sie sind Teil dieses Abenteuers.

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Es ist egal, was uns widerfährt, entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Mit dieser Einsicht starte ich in Tag zwei. Die Nacht an der dachlosen Hütte war kühl und sternenklar. Mehrmals mussten wir nach den Pferden schauen: Mehrmals knackten Äste oder die Pferde verhedderten sich in den Stricken. Später wurde mir klar: Keine Nacht mit angebundenen Pferden wird sorgenfrei sein – vor allem nicht die letzte … Auf mein Pferd Gitana hege ich keinen Groll, sie hatte sich erschreckt und ich kannte sie noch nicht gut genug, um zu wissen, worauf sie sensibel reagiert.

Langsam geht die Sonne über den Bergen auf. Ich befinde mich in der Schlussgruppe mit etwa neun anderen Reitern. Trotz der Schmerzen fühle ich mich besser – und habe das Gefühl, allmählich meinen Flow zu finden. Es tut gut, in der Gruppe zu sein und ihren Schutz zu genießen. Zumindest vorerst. Gemeinsam tasten wir uns in unbekanntes Terrain vor, durchqueren Seen und Canyons. In der Ferne sehen wir andere Reiter auf der gegenüberliegenden Seite, die scheinbar ihr Glück auf einer anderen Route versuchen. Wir alle haben das gleiche Ziel und wählen doch ganz unterschiedliche Wege.

Finde deinen eigenen Weg

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. „Sollen wir nach links?” „Oder was meint ihr, da drüben könnte doch ein Weg sein?” „Warte mal kurz …”. Keine Frage: Das Rennen ist extrem hart. Navigiert wird über vereinzelte GPS-Wegpunkte, doch das Terrain ist teilweise so verblockt oder gefährlich, dass es einfach kein Durchkommen gibt. Selbst wenn ich weiß, wo ich hinmuss, bleibt meist eine Frage: „Wie zur Hölle soll ich da durchkommen?”

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Genauso muss sich Frodo auf dem Weg nach Mordor gefühlt haben: Sümpfe, Gletscher, Steinwüsten mit riesigen Steinfeldern. Enge Trampelpfade entlang von mehreren Hundert Metern Abgrund und Klippen. Und dann dieser Dunkelwald, der so dicht ist, dass man das Pferd unter sich kaum noch sehen kann – und schon gar nicht einen Weg. Und wenn man es aus dem dichten Wald heraus geschafft hat, wird es noch gefährlicher: grüne Wiesen. Was harmlos klingt, sind oft Sümpfe, in denen das Pferd steckenbleiben kann. Der richtige Weg ist ständig eine Balance aus Risiko und extremer Aufmerksamkeit. Innerhalb kürzester Zeit lerne ich Pflanzen, die Farben der Gräser und Untergründe zu lesen – als Indiz dafür, ob das hier ein tragfähiger Weg sein könnte oder nicht. Kurzes, grünes Gras mit moosigen Stellen deutet auf Sumpf hin, leicht rötliche Gräser sind meist weniger riskant. Und dort, wo größere Pflanzen zwischen dem Gras wachsen, ist der Boden meist fester. Übergänge zwischen unterschiedlichen Bodenstrukturen oder Hänge, an denen Wasser sich nicht stauen kann, sind meist die beste Wahl. Na ja, also meist…

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Wir spielen gerade mit seinem Revolver, als Gaucho Jesus mir den Tipp gibt: „Wo ein Schaf laufen kann, kann auch ein Pferd entlang”. Dieser Mann muss es wissen, schließlich jagt er auch gerne mal mit seinem Revolver und seinen Hunden tagelang einen Puma, der wieder zu viele seiner Schafe gerissen hat. Das Krasse: Was für uns hier extreme Bedingungen sind, ist für die Gauchos hier Normalität. Unsere Referenzpunkte dafür, was „normal” ist – und was „extrem” – verschieben sich einfach.

Wir wissen es ja irgendwie alle: Wie im echten Leben weiß fast keiner, wo es lang geht. Wirklich neue Wege zu gehen, seinen eigenen Weg zu finden, ist immer hart und mit Zweifeln und Ängsten verbunden. Die Frage ist immer nur, wie man damit umgeht.

Für das Rennen Pass of Tears konnte man sich als Solo-Rider oder als Zweier-Team anmelden, doch in der Realität haben sich recht schnell viele Gruppen bestehend aus Solo-Ridern gebildet. Das ist völlig okay, aber ich habe an Tag 2 für mich entschieden: Ich will mich nicht in endlosen Diskussionen und Absprachen verzetteln. Ich will das Rennen für mich machen und auch Verantwortung für meine Entscheidungen übernehmen. Wenn ich mich verirre oder falsch abgebogen bin, will ich nicht auf jemanden anderen wütend sein oder „hätte ich doch nur” oder „ich wusste es doch” denken. Nein, ich will das alles für mich entscheiden. Mich selbst in die Scheiße reiten – und wieder heraus!

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Und damit überraschte ich alle. Die Entscheidung, mich von der Gruppe loszureißen, war die beste – der dichte Wald war unglaublich hartnäckig. Viele suchten hier vier, fünf Stunden lang nach einem Weg, um durchs Dickicht zukommen und mussten sogar im Wald übernachten – wo sie in der Nacht vom Schnee überrascht wurden. Mein Pferd Gitana und ich schafften es, dort einen Weg zu finden, wo keiner war und gewannen im Soloritt Stunden. Das Ergebnis? Wir machen über 15 Plätze gut, schlossen ins vordere Mittelfeld auf und konnten sogar im Checkpoint übernachten – mit Lagerfeuer, Lammbraten und einem Glas Malbec – Salud! Ich war mir sicher: So musste sich das Paradies anfühlen.

Keiner hatte damit gerechnet, dass ich Tag zwei überstehen würde. Und jetzt stand ich hier und wusste: I’m back in the game. Diese Euphorie sollte mich die nächsten Tage tragen. Ich begann, viel präsenter zu sein. Ich begann, Entscheidungen in meinem Tempo und auf meine Art zu fällen. Endlich waren es mein Pferd und ich – auf eigene Faust. Und: Wenn man alleine ist, ist auch kein Gequatsche der anderen da. So konnte ich meiner inneren Stimme und Intuition besser horchen. Und das war der härteste Teil, wie ihr im nächsten Kapitel lesen werdet.

Für was entscheidest du dich?

Jeder hat ihn: einen inneren Dialog. In Patagonien war er anfangs ganz schön laut. Einige Fragen, viele Zweifel, Ängste bis hin zur Verzweiflung: Ist das der richtige Weg? Fuck, die anderen sind bestimmt schon viel weiter. Ich bin sicherlich hinten dran. Hätte ich vorhin nicht die andere Abzweigung gehen sollen? Wie soll ich hier bloß weiterkommen?

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Das Rennen war das beste Training, das ich mir hätte wünschen können. Jeden Tag gab es neue Gründe, zu zweifeln. Neue Gründe, sich von seinen Ängsten auffressen zu lassen und darunter zu leiden. Doch mit den Tagen wurde ich immer besser darin, meinen inneren Dialog zu beobachten und Muster zu erkennen. Das Lustige: Die Zweifel waren gar nicht neu, sondern immer die gleichen – hervorgerufen durch ähnliche Situationen. Und irgendwann erinnerte ich mich: Gestern hatte ich exakt dasselbe gedacht und gezweifelt – und trotzdem meinen Weg gefunden. Also werde ich es auch heute schaffen. Es war Tag 5, der alles änderte.

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Der Paso Malo heißt so, weil er genau das ist: schlecht. Eine Fußlänge breit schlängelt er sich am Abgrund entlang – ein falscher Tritt und man rutscht hunderte Meter in die Tiefe.

An Tag 6 kritzelte ich – nachdem ich mal wieder vor Verzweiflung wie vor Freude geheult hatte – in mein Renntagebuch: „Ich weiß nicht, ob ich gerade zerbreche oder wachse.” Wahrscheinlich beides. Ich verstand plötzlich, warum dieses Rennen Pass of Tears heißt. Nicht weil man leidet. Sondern weil Freude und Verzweiflung, Problem und Wachstum, Sieg und Niederlage so eng miteinander verwoben sind, dass man gar nicht erkennt: Das eine braucht das andere. Jede kritische Situation, jeder Anflug von Angst, Zweifel und Verzweiflung ist eine Chance zu wachsen. Nicht, indem ich die Zweifel krampfhaft ignoriere, sondern sie akzeptiere und mich TROTZDEM für gute Laune und eine Richtung entscheide.

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15.000 $, um mit Mäusen zu schlafen

Ich wollte mich gerade schlafen legen, als sich zwei Mäuse an meinem Schlafsack entlang hangelten und hinter einem Holzstück verschwanden. Ein paar Tage zuvor hatte ich noch gehofft, mit einem toten, zum Ausbluten aufgehängten Lamm in einem Zimmer zu schlafen – wurde aber nichts, die Hütte ohne Tür war schon von einem anderen Racer in Beschlag genommen.

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Es ist schon krass, wie schnell man in einer anderen Realität landet – und sie plötzlich für normal hält. Das gilt auch für die Kohle: 15.000 US-Dollar, um zu leiden? An seine Grenzen zu gehen, auf dem Boden zu schlafen, frieren, und dann noch sein eigenes Essen mitzuschleppen? Nicht inklusive: Anreise, Vorbereitung und all das Equipment… Und trotzdem: Solange man etwas nicht gemacht hat, kann man den Wert einer Sache nicht einmal erahnen. Jetzt, nach diesem Abenteuerrennen, ist mein Fazit glasklar: Ich hätte wahrscheinlich sogar noch mehr dafür bezahlt.

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Der Wert von Pass of Tears liegt nicht im Komfort, sondern genau im Gegenteil: im Unangenehmen. Dem Kampf. Der Herausforderung. Luxus war einmal Komfort. Heute bedeutet es, sich lebendig zu fühlen. Etwas zu erleben, über sich hinauszuwachsen und in sich selbst statt in Dinge zu investieren.

Ohne das Rennen wäre ich zwar sicher nicht mit Chips auf der Couch gestrandet, aber dennoch hat das Rennen aus mir einen anderen Menschen gemacht. Die Vorbereitung, das Abenteuer an sich und alles, was dazu gehört: die Menschen, die neuen Fähigkeiten und Perspektiven. Das Rennen zu beenden, ist außerdem nicht das Ende – sondern der Anfang. Denn die neuen Freundschaften überall auf der Welt werden zwangsläufig zu neuen Abenteuern und Erlebnissen führen. Innerhalb von sieben Monaten war ich vom Außenseiter zum Insider geworden. Durfte tief in die Gaucho-Kultur eintauchen – nicht als Sonnenschein-Tourist, sondern sie in all ihrer Härte erleben. Und ansatzweise ein Gefühl bekommen, was es bedeutet, in der Weite Patagoniens zu leben und zu arbeiten. Denn das, was wir als komplett verrückt empfinden, ist für manche lokale Gauchos einfach nur Alltag.

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Wenn überhaupt, wenn man den Locals zuhört: Gaucho Jesus ist tatsächlich auf dem Paso Malo mal abgestürzt – mit Pferd. Und Hunderte Meter den extrem steilen Abhang hinuntergerutscht. Er ist es auch, bei dem wir – in der Nacht vor dem Plateau des Todes – mit dem Revolver spielen dürfen. Und ja, insgeheim hoffe ich, dass er mich irgendwann auf eine Puma-Jagd mitnimmt. Mit Pferd und Revolver natürlich.

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Neue Perspektiven lernt man nicht auf dem Sofa vor dem TV, auch nicht beim Lesen von Büchern oder Magazinen – sondern beim Machen. Man sagt, man kann es sich vorstellen, aber bis man etwas an der eigenen Haut erlebt hat, ist alles nur graue Theorie. Draußen in der wilden Natur. Beim Pass of Tears bekam selbst ein trockener Schlafplatz und ein Dach über dem Kopf einen komplett anderen Wert – egal ob neben Feuerholz, in einer löchrigen Berghütte neben Mäusen oder einem aufgehängten toten Lamm. Und ein viel zu süßer Instant-Cappuccino fühlte sich auf einmal an wie der größte Luxus.

Ich bin der festen Überzeugung – und nach dem Rennen umso mehr: Wir brauchen mehr raue Ehrlichkeit und Ungezähmtheit in unserem Leben. Unsere Komfortzone und Entfremdung von der Natur machen uns unfähig und katapultieren uns in eine geschrumpfte Realität, in der wir gar nicht mehr wissen, zu was wir alles imstande sind. Pass of Tears hat mir gezeigt, wie wenig es braucht, um sich lebendig zu fühlen. Und zum Glück sind die Organisatoren so radikal, dass sich das Rennen auch so radikal roh anfühlt. Ohne Wattepolster.

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Am Fuße des Gletschers – Zu weit, um umzudrehen

Die Nachricht kommt per Garmin inReach, jetzt, am späten Nachmittag: „Ein Schneesturm zieht auf – das Rennen wird ausgesetzt. Sucht euch einen sicheren Unterschlupf oder kehrt in die Checkpoint-Camps zurück.” Zurück? Auf gar keinen Fall. Ich hatte gerade mein Pferd gewechselt und war mit frischer Energie durch super anstrengendes Terrain geritten. Ich reite doch jetzt nicht nochmal 3 Stunden zurück, um die gleiche Strecke, wenn das Rennen wieder aufgenommen wird, nochmal zu reiten!

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Ich sehe die Schneewolken auf mich zukommen. Vor mir liegt noch ein ganzer Berg, bevor ich hinab zum Fluss und dem empfohlenen Campspot komme. Ich hadere. Ich spüre, wie meine Beine und mein Kopf nicht mehr weiter wollen. Aber ich weiß: Hier im Hochsumpf will ich nicht pennen. Zudem gibt es hier auch kein gutes Wasser – weder für mich noch für Pulpito. Also weiter. Sicherlich noch 2 Stunden. Mindestens.

Der Anstieg ist echt mies, der Wind bläst immer stärker und ich muss mich richtig nach vorne lehnen, um überhaupt voranzukommen. Mein GPS funktioniert nicht richtig, mein Standort springt hin und her, was die Navigation erschwert.

Vor mir gibt es zwei Optionen als Weg. Beide sind super exponiert und sehen alles andere als vielversprechend aus. Ich stehe an der oberen Variante und sehe bereits unten im Tal mein Ziel, aber keinen Weg dahin. Ich entscheide mich für die untere, muss aber umkehren – zu schmal an der Klippe. Ein falscher Tritt und ich stürze 50 Meter in die Tiefe. Da hilft auch kein Rettungsheli mehr, der bei diesen Bedingungen eh nicht fliegen kann.

Also wieder zurück auf den ursprünglichen Weg. Von oben arbeite ich mich mühsam im Zickzack hinab ins Tal. Ich versuche die Ruhe zu bewahren, merke aber, wie ich zu fluchen beginne. Drei weitere Male muss ich umkehren, weil ich zu weit gegangen bin oder eine falsche Abzweigung genommen habe.

Ich jaule auf. Endlich. Geschafft. Ich sehe Daisy und Liam, wie sie ihre Pferde gerade am Fluss versorgen – sie sind vor mir angekommen und haben ihr Lager schon eingerichtet. Dabei bin ich am letzten Checkpoint mit rund einer Stunde Vorsprung vor ihnen losgeritten – und komme jetzt eine Stunde später an. So ist das – Navigation, Routenwahl und Hindernisse kosten schnell mal wertvolle Stunden.

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Ich dichte das Dach der löchrigen Hütte ab und mache es mir mit einem Feuer gemütlich. Das Rennen ist nach wie vor ausgesetzt – und wir freuen uns alle darüber. Ein bisschen Ruhe tut gut. Mensch und Pferd können durchatmen. Am nächsten Morgen ist die Gemütlichkeit allerdings vorbei. Weil aufgrund der dichten Wolkendecke der Garmin-inReach-Empfang miserabel ist, erreicht uns die Nachricht zur Wiederaufnahme des Rennens erst, als das Rennen bereits wieder läuft. Verdammt. Statt vorbereitet auf dem Pferd zu sitzen, haben wir den Morgen vertrödelt. Und ausgerechnet heute wird es ernst.

Wir müssen zum Gletscher hinauf und einen GPS-Checkpoint vor 14 Uhr passieren, andernfalls würden wir es nicht rechtzeitig durch das unbarmherzige Terrain schaffen. Also gibt es nur eine Richtung: vorwärts.

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Wir machen Meter, kommen gut voran. Am Checkpoint machen wir eine kurze Pause. Wir lassen die Pferde grasen, trinken und versorgen uns selbst. Dann weiter. Das Terrain wird zunehmend anspruchsvoller und unbarmherziger, bis wir schließlich am Fuße des Gletschers stehen. Das Gelände bis hierhin war schon brutal. Doch im Race-Briefing hieß es: Ab jetzt wird es technisch. Next level technisch. So next level, dass wir uns irgendwann nur noch fragen: Wie zur Hölle sollen wir hier durchkommen? Vor uns liegen ein eiskalter Gletschersee, riesige Geröllfelder und steile Hänge. Es fühlt sich an wie im dichten Wald von Tag 2. Nur dieses Mal besteht der Wald aus Steinen.

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Zusammen mit den Pferden müssen wir am steilen Ufer des Gletschersees entlang. Daisy versinkt halb darin – zumindest tief genug, dass Beine und Füße komplett durchnässt sind. Dann geht es steil hinauf über große Felsplatten. Die Pferde finden mit ihren Hufen kaum Grip und rutschen. Es ist verdammt heikel. Hier oben dürfen keine Fehler passieren. Wir kommen nur quälend langsam voran. Wenn es mal nicht steinig und verblockt ist, dann sumpfig. Das Zeitlimit sitzt uns im Nacken. Aber vier Stunden später ist klar: Scheiß drauf. Wir nehmen die Strafzeiten in Kauf. Hier im Hochsumpf werden wir ganz sicher nicht unser Zelt aufschlagen.

Also reiten wir weiter, bis es zu dämmern beginnt. Vorbei an einem riesigen Wasserfall, über Steilhänge und quer durch unzählige Wasserläufe, die uns immer wieder zum Umkehren zwingen, weil wir erst eine Stelle finden müssen, an der Pferde überhaupt sicher durchkommen können.

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Die letzte Herausforderung des Tages: die Baumgrenze. Denn der Wald, den wir durchqueren müssen, um ins Tal zu gelangen, ist mal wieder alles gleichzeitig: absurd dicht. Absurd steil. Nass. Rutschig. Wir kämpfen uns durch das Unterholz und schlagen am Fuß des Hangs unser Lager auf. Wir machen ein Feuer, um unsere Kleidung zu trocknen. Ich bin müde. Mein Renntagebuch kann bis morgen warten.

Erschöpft sitze ich am Feuer. Und dann passiert etwas Wunderschönes. Eine seltsame Ruhe und Präsenz breitet sich in meinem Körper aus. Das Gefühl erinnert mich an meinen ersten Mushroom-Trip in Kalifornien ein paar Wochen zuvor – mit dem Unterschied, dass ich diesmal überhaupt nichts genommen habe. Die Farben werden intensiver. Das Rauschen des Flusses und das Knistern des Feuers wirken plötzlich lauter, klarer, lebendiger. Für den Rest des Abends fühlt sich alles unglaublich unmittelbar an. Irgendwann krieche ich in mein Zelt, das irgendwo zwischen – und vermutlich direkt auf – einer Ansammlung von Kuhfladen steht. Manchmal scheinen alle Optionen beschissen. Und trotzdem fühlt sich irgendwie alles genau richtig an.

Zwischen Ehre und Ego – Das Rennen hinter dem Rennen

Während wir irgendwo zwischen Glücksgefühl und Verzweiflung pendeln, denke ich mir: Dafür, was hier vor sich geht und von uns abverlangt wird, kommen wir erstaunlich gut durch. Ich frage mich, wie es den anderen wohl gerade geht. Wie weit sind die anderen hinter mir? Stecken sie fest, kommen sie voran, kämpfen sie sich noch durch?

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Ich löffle gerade mein Porridge im leichten Galopp, als ich an die Spitzen-Truppe denke: 30.000 US-Dollar Preisgeld winken den Siegern. Dass vorne Leistungsdruck und Anspannung brutal hoch sein müssen, ist klar. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie das Rennen unter diesen Widrigkeiten überhaupt genießen können.

An den Checkpoints können wir immer wieder Positionen erfragen, aber draußen in der Wildnis haben wir natürlich keine Ahnung. Kein Handyempfang, kein Internet – das Livetracking ist für uns so weit weg wie die Zivilisation. Und so entstehen die wildesten Geschichten und der meiste Gossip darüber, wer gerade wo ist, wer mit wem kann und wer nicht. Mit den Tagen kochen die Gemüter auch immer wieder hoch. Man hört von Taktieren, Spielchen und kleinen Machtkämpfen an der Front. Aber selbst im Mittelfeld oder ganz hinten sickert diese Rennatmosphäre durch – und mit ihr Fragen wie: „Warum dürfen die das und ich nicht? Ist das fair?”

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Wertvoller als der Rettungsheli – Marcos war der Schutzpatron des Rennens und kümmerte sich helden- und ehrenhaft um viele Teilnehmer in der Wildnis.

Gerade in den harten Momenten zeigt sich, was wirklich in Menschen steckt – und wie sie mit Schwierigkeiten umgehen. Eine Person stach dabei ganz besonders hervor: Marcos hatte nicht nur eigene Pferde im Rennen und nahm selbst teil – als Local kümmerte er sich gleichzeitig um eine ganze Gruppe am Ende des Feldes. Er half, wo er konnte, organisierte, unterstützte und stellte sicher, dass auch die Letzten irgendwie durchkamen. Es wäre nicht seine Aufgabe gewesen. Und ehrlich gesagt, hätte er sich die zusätzliche Bürde auch einfach sparen können. Tat er aber nicht. Stattdessen nahm er noch mehr Last auf sich und half anderen dabei, in dieser Wildnis klarzukommen.

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So viel Ehre, Hilfsbereitschaft und Rücksicht auf andere Teilnehmenden hätte wohl niemand erwartet. Völlig verdient bekam er am Ende dafür eine Sonderauszeichnung. Eine absolute Legende – und jemand, der Werte verkörpert, die man heute nur noch selten findet.

Wie kann man da noch lachen?

Ich brülle ins Nichts. Niemand da, der mich hören könnte. Außer vielleicht mein Pferd, das innerlich den Kopf schüttelt – oder sich mit mir freut. Fakt ist: Wir haben es mal wieder geschafft – mal den Weg (wieder) gefunden, mal den Sumpf durchquert – zwar triefend nass, aber am Stück. Und schließlich ein Feuer, an dem ich mich nach der bitteren Kälte wieder aufwärmen kann.

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Beim Pass of Tears hielten sich die Momente die Waage. Es gab exakt so viele Momente voller Aufregung, Angst und Verzweiflung wie voller Freude, Stolz und Errungenschaft. Von den erstgenannten vielleicht sogar mehr. Doch auf jede Herausforderung folgte ein Moment, in der man sie bewältigt hat. Und dafür hatte ich mich ja auch angemeldet. Nach Tag 1 versuchte ich in allem das Positive zu sehen – in jeder Herausforderung und jedem Rückschlag. Und das Verrückte: Es funktionierte! Wenn man das Schöne sehen will, dann sieht man es auch – zum Beispiel die wilde Kamille, die ich mir wenige Kilometer vor dem Ziel erschöpft für einen Tee stibitzte. Zeit muss man sich für die Dinge nehmen, die einen erfüllen. Wir waren ja hier bei einem Rennen und nicht auf der Flucht!

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Genau das war in Patagonien mein Schlüssel. Selbst in komplett beschissenen Momenten fand ich auch etwas Gutes – und irgendwie sprang diese Energie über. Die Leute feuerten mich an, halfen mir, lachten mit mir und wollten wirklich sehen, dass ich es bis ins Ziel schaffen würde. Selbst einige der Gewinner kamen danach zu mir und meinten nur grinsend: „Robin … du bist komplett verrückt. Du bist der wahre Gewinner.” Dieser Meinung waren auch die Organisatoren – die für mich kurzerhand einen eigenen Award erfanden: als glücklichster, verrücktester und einsamster Racer – weil ich die längsten Stücke alleine unterwegs war. Der Award? Eine Travelpussy. Woher die wohl kam?

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Das Plateau des Todes

Wenn etwas seinem Namen alle Ehre macht, dann das – Szene zurück: Zusammen mit Liam, einem Bolivianer, und der Engländerin Daisy nehme ich das Plateau des Todes in Angriff. Stell dir vor, du läufst über Steine und plötzlich versinkst du mit deinem Pferd im Boden. Bis zu diesem Tag wusste ich nicht einmal, dass steinerne Sümpfe überhaupt existieren können.

On top: Hochnebel, waagrecht fliegende Schneeflocken und ein schier endloser Weg. 27 Kilometer durch mieses Terrain mit zahlreichen Flussdurchquerungen bis zum nächsten Checkpoint.

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Tückisch und unvorhersehbar: Die Grenze zwischen reitbar und „Fuck, wir versinken” war fließend. Bis zum Plateau des Todes wusste ich gar nicht, dass es „Steinsümpfe” überhaupt gibt.

Die Nässe kriecht durch meine Handschuhe. Abwechselnd stecke ich die eine Hand unter meine Achselhöhle, während die andere das Pferd führt. Der Wind wird stärker, die Tropfen prasseln jetzt aus horizontaler Richtung auf meine Wachsjacke. Ich hatte mir im Vorfeld vier verschiedene Handschuhpaare gekauft und lange darüber nachgedacht, welche Kleidungsstücke hier wirklich funktionieren würden. Denn das Wetter in Patagonien wechselt wie die Stimmung – stündlich. Sonne, Hagel und Regen. Manchmal hast du den Wind im Rücken, meistens kämpfst du gegen ihn an. Der Wind ist wirklich das Schlimmste. Er dringt durch die Schichten und raubt dir jegliche Energie.

Mit einer Stunde Penalty-Zeit kommen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit am Checkpoint an. Ich friere bei Minusgraden in einer Hütte in meinem Schlafsack – und wache verschnupft auf.

Mein Pferd hat eine Reibstelle im Sattelbereich, weshalb ich es morgens zusammen mit dem Veterinärsteam versorgen muss. Alle anderen ziehen bereits weiter. Also lasse ich es gemächlich angehen. Meine Kräfte sind auch nicht mehr dieselben – und die meines Pferdes auch nicht.

Beim nächsten Checkpoint steht der letzte Pferdewechsel an: Ich muss auf mein anderes Pferd zurückwechseln, den erschöpften Pulpito aber an der Leine bis ins Ziel mitführen.

Die eigentlichen Athleten

Bei allen Widrigkeiten und Herausforderungen darf man nicht vergessen, was für ein organisatorischer Aufwand hinter Pass of Tears steckt. Rund 40 Männer und Frauen sorgten dafür, dass dieses Rennen überhaupt stattfinden konnte: Veterinäre, Ärzte, Hufschmiede, Logistik und Rennleitung.

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Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent auf die Pferde geachtet wurde. Tägliche Vet-Checks kontrollierten Gesundheitszustand, Lahmheiten, Puls und mögliche Scheuerstellen oder Verletzungen. Wer sein Pferd überlastete oder Warnzeichen ignorierte, musste mit hohen Zeitstrafen oder sogar Disqualifikation rechnen. Mehrere Teilnehmende schieden genau deshalb aus dem Rennen aus.

Die eigentlichen Helden dieses Rennens sind zweifelsfrei die Pferde. Was diese Tiere Tag für Tag leisteten, ist unglaublich. Die lokalen Criollos bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit durch Sümpfe, Geröllfelder, Flussläufe und steile Berghänge, die mich immer wieder staunen lassen. Trittsicher wie eine Bergziege, robust wie ein Arbeitstier und gleichzeitig schnell genug, um stundenlang Strecke zu machen. Mit den meisten anderen Pferderassen wäre ein Rennen wie Pass of Tears vermutlich gar nicht möglich.

So wie ich es von Enduro-Mountainbike-Rennen kenne, war für mich von Anfang an klar: Hier geht es nicht darum, möglichst viel aus seinen Pferden herauszuholen, sondern möglichst gut mit ihnen durchzukommen. Vor allem an langen und steilen Anstiegen lief ich – Pulpito am Zügel – deshalb selbst. Die Kunst besteht darin, die Kräfte richtig einzuteilen – die eigenen genauso wie die des Pferdes.

Niemand hat gesagt, dass die letzten Kilometer leicht werden

Rama, einer der Rennorganisatoren, muntert mich auf. Ich solle schnell etwas essen, gleichzeitig drückt mir ein anderer einen feurig scharfen Whisky in die Hand. Ihre Anweisung: beeilen und direkt weiter. Ich könnte es heute noch ins Ziel schaffen. Der Optimismus ist mir an dieser Stelle zu viel. Und warum auch der ganze Stress? Die nächsten Rider hinter mir sind mindestens sieben Stunden entfernt – fast ein ganzer Reittag. Die Schnellsten vor mir sowieso außer Reichweite. Deshalb: Taktikänderung. Siesta. Die Sonne ist draußen.

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Wup-wup-wup-wup. Auf einmal fängt die Luft an zu vibrieren. Der Heli kommt. Und mit ihm meine Eskorte. Die kenianisch-englische Polospielerin Natasha und das New Yorker Model Nour können beide das Rennen nicht fortsetzen, weil ihre Pferde den vorletzten Vet-Check nicht bestanden haben. Als sie mich fragen, ob sie mich mit Ersatzpferden bis ins Ziel begleiten können, höre ich mich nicht Nein sagen.

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In bester Gesellschaft, mit Sonnenschein und relativ einfachem Gelände vor uns, soll das eine entspannte Abschlussetappe werden. Schön wär’s. Bisher hat es überall Wasser gegeben. Nur nicht auf der letzten Etappe – wie wir herausfinden.

Die auf der Karte eingezeichneten Flüsse sind trocken. Kein Wasser zum Trinken. Kein Wasser für die Pferde. Kein Wasser zum Kochen. Doch wie es der Zufall will, haben wir zwar kein Wasser – dafür aber Wein. Nour hat beim letzten Checkpoint zwei Flaschen Rosé organisiert. Lachsrisotto à la Rosé? Bison Chili à la Rosé?

Wir sind ziemlich enthusiastisch, als wir zum Aufkochen jeweils 300 Milliliter Wein in unsere getrockneten Trekking-Mahlzeiten kippen. Vielleicht funktioniert es ja tatsächlich. Vielleicht wird daraus sogar ein neuer Gourmet-Trend? Die Realität ist eine andere. Mies, bitter. Kaum essbar. Da helfen auch die Schlücke Rosé zum Herunterspülen nicht.

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Das Lagerfeuer brennt prächtig. Da mein Zelt noch feucht von der vorletzten Nacht ist und der bedeckte Himmel für eine lauwarme Nacht spricht, entscheide ich mich, neben dem Feuer zu schlafen. Nour bietet mir noch mitleidsvoll an, bei ihr ans Zelt zu klopfen, falls mir kalt werden sollte. Nein, natürlich ist mir nicht kalt. Bis ich irgendwann entscheide, dass mir doch irgendwie kalt ist. Also klopfe ich um drei Uhr nachts an. Nach einsamen Tagen in der Wildnis sind eine Umarmung und ein bisschen Daumenhalten einfach wohltuend gut.

„Robin, ich will dir keine Angst machen, aber dein Pferd ist weg.” Um 6 Uhr morgens klopft es wieder am Zelt. Es war Natascha mit dieser Nachricht. Shit.

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Noch einen Tagesritt vom Ziel entfernt und jetzt das. Es ist noch dunkel draußen. Ich krieche aus dem Zelt und statt das Pferd zu suchen, suche ich erstmal einen Busch für mein Geschäftchen. Während ich Scheiße denke und Scheiße mache, sortiere ich meine Gedanken. Es ist sinnlos, jetzt wie ein Idiot mit Stirnlampe nach dem Pferd zu suchen und Energie zu verschwenden. Also, was dann? Das ganze Rennen hat mich gelehrt, zu vertrauen. Also mache ich das, was ich jeden Morgen vor dem Start mache: Ich packe meine Sachen. Verputze mein Frühstück. Putze meine Zähne. Bereite Sattel und Taschen vor. Und siehe da. Kurz nach Sonnenaufgang taucht Gitana, meine ausgebüxte Stute, auf einem Hügel in der Ferne auf und kommt langsam in unsere Richtung.

Regenbögen brauchen Regen

Auf zum Finale: Kaum haben wir unsere Sachen gepackt, setzt Regen ein. Der Wind wird stärker und pfeift uns um die Ohren. Das Terrain ist eigentlich einfach – zieht sich aber endlos in die Länge. Pulpito wollte ich ursprünglich am Seil führen. Doch irgendwann lasse ich den erschöpften Hengst einfach frei laufen und treibe ihn im Cowboy-Stil vor mir her. Er hat schlicht keinen Bock mehr. Auf meine Impulse reagiert er nur mit Verzögerung.

Ich will nicht mehr. Pulpito will nicht mehr. Und das Wetter mit all dem Regen auch nicht mehr. Viermal versuche ich, einen breiten Fluss mit beiden Pferden zu überqueren. Viermal haut es mich fast ins Wasser, weil Pulpito wieder nicht will. Dank Natasha und Nour, die mir beim Antreiben helfen, geht es dann doch irgendwie weiter.

Die Geduld ist inzwischen am Ende. Es ist mies kalt. Alles durchnässt. Und dann noch dieses verdammte Weidentor, das wir einfach nicht finden, während wir am Zaun entlangreiten.

Alles wird schwerer. Langsamer. Kälter.

Wir sind dem Ziel so nahe. Gleichzeitig ist mir klar: So kann das hier nicht enden. Trotz aller Widrigkeiten ist dieses Rennen bislang ein einziges Wunder gewesen. So viel hat sich auf absurde Weise ergeben und funktioniert. Im strömenden Regen ins Ziel zu reiten, würde diesem Abenteuer einfach nicht gerecht werden.

Und dann, kurz vor dem Ziel, passiert etwas völlig Surreales: Zwei Regenbögen. Logisch. Regenbögen brauchen Regen.

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Am Ende schaffe ich das Rennen in 8 statt der anvisierten 10 Tage. Die Sieger haben 7 Tage gebraucht. Die Menge jubelt, als ich mit einem mystischen Regenbogen im Rücken den letzten Berg hinabreite. Die letzten Meter wechsle ich in den Galopp. Ein bisschen heroische Dynamik soll mein Ende ja schon haben.

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Die Mitstreiter kommen mit Bourbon. Nassen Umarmungen. Jubelrufen. Und plötzlich realisiere ich langsam: Ich habe es durchgezogen. Ich habe mein Versprechen eingehalten. Mir kommen mal wieder die Tränen. Dankbarkeit, dass beide Pferde und ich sicher zurückgekommen sind. Dankbarkeit für all das Chaos. Dankbarkeit für jeden Zweifel, jede Verzweiflung und jeden komplett beschissenen Moment unterwegs. Denn genau diese Momente haben mir gezeigt, dass man sich immer durchschlagen kann und Wege finden wird.

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Die meisten Träume scheitern nicht daran, dass sie unmöglich sind – sondern daran, dass wir nie anfangen. Ich hatte sieben Monate vor diesem Rennen meine erste Reitstunde.

Fazit

Der erste Schritt ist fast immer lächerlich klein. Eine Mail. Ein Telefonat. Eine Entscheidung. Und plötzlich sitzt du irgendwo in Patagonien auf einem Pferd im Schneesturm und das Abenteuer nimmt seinen Lauf. Ehe du dich versiehst, ist es vorbei. Und du erkennst: Bereit wirst du nicht vorher. Bereit wirst du unterwegs.

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Partytime.

Words: Robin Schmitt Photos: Eliseo Miciu Nicolaevici, Robin Schmitt, Valentine Dreyfus, Moustapha Younis, Amine

Wer schreibt hier?

Robin Schmitt
CEO & Founder

Robin ist einer der zwei Verlagsgründer und Visionär mit Macher-Genen. Während er jetzt – im strammen Arbeitsalltag – jede freie Sekunde auf dem Bike genießt, war er früher bei Enduro-Rennen und ein paar Downhill-Weltcups erfolgreich auf Sekundenjagd. Nebenbei praktiziert er Kung-Fu und Zen-Meditation, liebt Classic Cars, spielt Cello, bereist fremde Länder und testet noch immer zahlreiche Bikes selbst. Progressive Ideen, neue Projekte und große Herausforderungen – Robin liebt es, Potenziale zu entdecken und Trends auf den Grund zu gehen.

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