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Griechische Halbgötter sind vermutlich nie Rad gefahren – aber hätten sie die Wahl gehabt, wäre es wohl ein Hercules geworden. Nicht ohne Grund, denn das ROB SL IQ kommt mit Bosch Performance Line SX-Motor, 400-Wh-Akku, automatischer Schaltung und einem minimalistischen Design, das den Rider-(Halbgott) in den Mittelpunkt rückt. Das Slim-City-E-Bike setzt auf einen wartungsarmen Riemenantrieb, einen leichten Motor und die Freiheit von Gedanken an Schaltvorgänge. Klingt wie gemacht für den urbanen Alltag: aufsteigen, lostreten, den eigenen Bewegungsapparat in Form halten – und ganz nebenbei noch eine gute Figur machen.
Mit Schutzblechen, Ständer und integrierter Lichtanlage bringt „Hercules“ es auf 19,9 kg Gesamtgewicht, und preislich schlägt es mit 4.399 € zu Buche. Ob es so auch wirklich ROBust genug für den Stadtdschungel ist, lest ihr hier im Test.
Das Hercules ROB SL IQ im Detail – Intelligenz trifft Stil
Soooooo schöööönnnn! Das ist tatsächlich das Erste, was man hört, wenn man mit dem Hercules ROB SL IQ vorfährt. Dieses Blau, das ins Violette spielt, wirkt dezent und zieht trotzdem die Blicke auf sich. Dazu kommt die fast cleane Integration des Bosch-Systems, das hauptsächlich am etwas massigen Motorbereich sichtbar wird. Der wirkt zwar etwas „bauchig“, doch die Formensprache des Hercules ROB SL IQ bleibt insgesamt schlank: klare Kanten, die elegant in Rundungen übergehen. Die Kabelführung läuft aufgeräumt durch den Steuersatz in den Rahmen. Das Resultat ist ein crispy-cleanes Cockpit, reduziert auf Motor-Remote und Klingel – halt, stopp! – und natürlich die Bremshebel.
Was am Hercules nicht sofort ins Auge fällt, aber ein praktisches Detail ist: die vier Anschraubpunkte am Steuerrohr. Die sind für einen optionalen Front-Rack vorgesehen, der rund 50 € kostet und laut Hercules am besten vom Fachhändler montiert werden sollte. Für besagten Träger liegt die maximale Zuladung bei 5 kg – ideal für die kleine Tasche oder den spontanen Einkauf. Wer keinen Frontträger möchte, kann die Anschraubpunkte auch für Flaschenhalter oder anderes Zubehör nutzen.
Wartungsarm könnte man fast als intelligent bezeichnen – allerdings nicht wartungsfrei. Denn auch ein Riemenantrieb kann Verschleiß zeigen, und mit allzu vollmundigen Aussagen sollte man vorsichtig sein. Der verbaute Gates CDC-Riemen ist für den Stadteinsatz gedacht und soll rund 20.000 km Laufleistung bieten, bevor ein Wechsel nötig wird. Im Alltag reicht es, den Riemen bei Bedarf einfach mit einem feuchten Tuch abzuwischen – dann läuft er in der Regel wieder sauber. Nice!
IQ steht für Intelligenz! Am Hercules ROB SL IQ genauer gesagt: für Automatik. Denn hier übernimmt die automatische, stufenlose Enviolo Urban-Nabe die Schaltarbeit. Sie analysiert mittels Drehzahlsensoren die Trittfrequenz und passt die Übersetzung automatisch an. Bedeutet: Wer bergauf anfangs noch kräftig in die Pedale reindrückt, sollte sofort eine leichtere Übersetzung serviert bekommen, damit die Kadenz gleichmäßig bleibt. Genauso auch bergab und an der Ampel erkennt das System den Stillstand und schaltet automatisch in einen leichten Gang.
Wem der voreingestellte Modus nicht reicht, der kann über die Enviolo-App per Smartphone seine bevorzugte Trittfrequenz einstellen: sportlich-hochfrequent oder entspannt-niedrig – ganz nach Vorliebe und Terrain.
Zum Vergleich: Die Enviolo Urban bietet ein Übersetzungsverhältnis von 256 %. Das reicht für die flache Stadt völlig aus. Ein modernes 1×12-MTB- oder Gravel-Setup liefert mit ca. 510 % fast den doppelten Bereich – den braucht man auch, wenn’s steil ins Gebirge geht. Für den Einsatzzweck des Bikes sollte aber das Enviolo-System die komfortablere, stressfreiere Lösung sein. Wie sich die Automatik im Stuttgarter Kessel geschlagen hat, lest ihr im Praxisteil.
Die Ausstattung des Hercules ROB SL IQ
Befeuert wird der Tritt in die Pedale vom Bosch Performance Line SX-Motor, der mit 55 Nm zur Kategorie der Light-Assist-Motoren gehört. Bedeutet: kleiner Motor, weniger Power, dafür geringeres Gewicht. Wer mehr über den Motor erfahren will, klickt sich hier bei unserem Schwestermagazin E-MOUNTAINBIKE durch. Ergänzt wird das System vom Bosch CompactTube-Akku mit 400 Wh, der im Unterrohr sitzt und sich über ein Akku-Schloss entnehmen lässt. Dazu muss lediglich das Akku-Cover mit einem Drehknopf gelöst werden, bevor man Cover und Akku nach oben herausnimmt.
Am Akku-Cover gibt’s Anschraubpunkte für den Bosch PowerMore Range Extender. Wer eher Durst statt Reichweitenangst stillt: Eine Trinkflasche passt genauso. Zusätzlich sind am Sattelrohr zwei weitere Schraubpunkte – wahlweise für eine Flasche oder einen Toolmount. Wer direkt am Bike laden will: Über dem Motor sitzt ein gut erreichbarer Ladeport, zuverlässig geschützt von einer robusten Hartplastikkappe.
Das Aluminium-One-Piece-Cockpit – also Lenker und Vorbau aus einem Stück – ist ebenso reduziert wie funktional. Neben den Bremshebeln und der Klingel sitzt hier das Bosch Purion 200-Display, das Fahrdaten kompakt anzeigt und die Wahl der Fahrmodi erlaubt. Wem das zu minimalistisch ist, der kann sein Smartphone via SP-Connect-Halterung direkt auf der Topcap befestigen und über die Bosch Flow App detaillierte Daten und Navigationsfunktionen nutzen.
Bei den Bremsen setzt Hercules auf eine Shimano Zwei-Kolben-Bremse mit 3-Fingerbremshebeln aus dem City- und Trekking-Bereich mit 180-mm-Scheiben, die im urbanen Verkehr einen guten Kompromiss aus Gewicht und Power bieten sollen.
Apropos Power: Das Frontlicht wird mit 50 Lux angegeben. Damit erfüllt es die StVZO-Vorgaben (Mindestwert: 10 Lux) locker, allerdings ist die Integration nicht so elegant wie beispielsweise beim ROSE Sneak, wo die Leuchte im Lenker verschwindet. Am Heck sorgt eine kleine LED im Schutzblech für Sichtbarkeit. Das Licht ist hell, sitzt aber recht tief auf dem Schutzblech, wodurch man im dichten Straßenverkehr unter Umständen leichter übersehen werden könnte.
Die Schutzbleche bestehen aus Aluminium und fallen am Heck etwas kürzer aus – ein cleverer Schachzug, denn so lässt sich das Bike problemlos aufs Hinterrad stellen, etwa im Bahnhof, um in den Aufzug zu steigen. Das Blech ist dabei besser geschützt und verkratzt nicht sofort – sweet!
Varianten des Hercules ROB SL IQ
Das Hercules ROB SL IQ ist nicht nur als Diamant-Rahmen – wie wir ihn getestet haben – erhältlich, sondern auch in den Formen Trapez und Wave. Der Wave-Rahmen ist der klassische Tiefeinsteiger, der Komfort ausstrahlt, während das Trapez mit tiefgezogenem Oberrohr einen Mittelweg zwischen sportlich und komfortabel darstellen soll.
Alle drei Varianten sind in unterschiedlichen Rahmengrößen verfügbar, beginnend bei 45 cm bis hin zu 61 cm. Zwar bietet nicht jede Rahmenform alle Größen, doch dank der Vielfalt sollte jeder Rider die passende Geometrie inklusive Höhe finden.
Das Hercules ROB SL IQ von der City zum See and back!
Samstagmorgen ohne den Duft frisch gemahlener Bohnen? Kein guter Samstag. Und wenn’s ins Lieblingscafé in der City geht, steht das Hercules ROB SL IQ startklar im Schuppen – vorausgesetzt, der Akku ist geladen. Der Riemenantrieb macht den Alltag angenehm unkompliziert: kein Ketteölen, kein Putzen, kaum Wartung. Einfach draufsetzen und losfahren.
Sobald man Platz nimmt, fällt das aufgeräumte Cockpit auf: Bremshebel, Motor-Remote – und ja – natürlich die Klingel. Sonst herrscht wohltuende Leere. Die Sitzposition ist sportlich, leicht gestreckt, aber weit entfernt von einer Race-Position wie auf dem Rennrad – ein gelungener Spagat zwischen Performance und Komfort.
Im hügeligen Stuttgarter Kessel muss das Hercules ROB SL IQ seinen wahren Charakter zeigen. Auf der Geraden und bergab bleibt es stabil und gutmütig, nichts wackelt, nichts nervt. Das Handling ist direkt und vertrauenerweckend. Lenkbefehle setzt das Hercules präzise um, ohne nervös zu werden. So lässt es sich geschmeidig zwischen Passanten, parkenden Autos und anderen Ridern hindurchschlängeln, ohne dass Unsicherheit aufkommt.
Bergauf heißt es dagegen: ordentlich treten und dem „Gaul die Sporen geben“. Grund dafür ist das relativ kleine Übersetzungsverhältnis der Enviolo Urban von nur 256 %. Für flache Städte wie Hamburg, Köln oder München reicht das völlig aus – für steile Rampen wie in Stuttgart weniger. Im Turbo-Modus wird zwar die Unterstützung stärker, doch die fehlende Übersetzung bleibt spürbar.
Oben angekommen, rollt man nicht selten über Schotterwege, die zwischen Weingärten hindurchführen. Hier bleibt das ROB ebenfalls stabil. Die Schwalbe G-One-Reifen bieten mit 50 mm Breite ordentlich Grip, selbst auf lockerem Untergrund. Und wenn’s bergab wieder schnell wird, bremsen die Shimano-Zweikolben mit 180-mm-Scheiben zuverlässig herunter. Die Reifen sind zugleich der einzige echte Komfortfaktor – denn auf eine Federung verzichtet das City-Bike. Trotzdem schüttelt es einen auf Kopfsteinpflaster weniger durch, als man erwarten würde.
Im Alltag macht sich auch das Gewicht von 19,9 kg bemerkbar. Eine Unterführung oder ein paar Treppenstufen hochtragen? Das geht – sollte man aber nicht allzu oft wiederholen, denn als wirkliches Leichtgewicht geht das ROB SL IQ nicht durch.
Die Automatik der Enviolo-Nabe selbst arbeitet unauffällig im Hintergrund. Man muss sich nur daran gewöhnen, dass die stufenlose Anpassung einen Moment benötigt: ein, zwei Kurbelumdrehungen, bis die Nabe die neue Trittfrequenz nachzieht. Anfangs ungewohnt, später kaum noch der Rede wert.
Doch so robust ein Rad auch wirkt – im Straßenverkehr ist man nie vor Überraschungen sicher. Beim morgendlichen Pendeln wurde unser Testbike von einem Tesla-Fahrer übersehen – der Redakteur machte Bekanntschaft mit dem Asphalt. Das Ergebnis: Hüftprellung, Schürfwunden, aber alles in allem glimpflich. Und das ROB? Bis auf ein verbogenes Schutzblech und ein paar Kratzer kam es erstaunlich heil davon. Ob das nun auf einen gekonnten Sturz oder die robuste Bauweise zurückzuführen ist, darf jeder selbst entscheiden.
Für wen ist das Hercules ROB SL IQ?
Das Hercules ROB SL IQ richtet sich an Stadtbewohner, die ein unkompliziertes Bike wollen, das ohne großes Kopfzerbrechen im Schuppen bereit steht und sie zuverlässig ans Ziel bringt – sei es ins Café oder zur Arbeit. Der stilvolle Auftritt ist dabei gleich mit eingepreist.
Wer mehr Packmöglichkeiten benötigt, sollte sich bei den anderen Ausstattungsvarianten umsehen. Und wer keine Lust auf Schaltarbeit hat, liegt mit dem IQ genau richtig – vorausgesetzt, man lebt nicht in einer sehr hügeligen Gegend. Denn das Übersetzungsverhältnis ist vergleichsweise gering. Das heißt nicht, dass das Bike dort nicht funktioniert, man muss nur schlicht mehr Kraft investieren, was man am Ende des Tages auch in den Beinen spürt.
Fazit zum Hercules ROB SL IQ
ROBust – das hat das Hercules ROB SL IQ bewiesen, wenn auch unfreiwillig. Das Konzept des Slim-City-E-Bikes geht auf, solange man nicht in zu hügeligen Gegenden wohnt, denn das Übersetzungsverhältnis der Automatiknabe setzt dem Spaß hier Grenzen. Ansonsten bringt einen das ROB SL zuverlässig und stilsicher ans Ziel: Riemenantrieb, integriertes Licht und die Enviolo-Automatik machen den Alltag unkompliziert. Für Pendler mit mehr Gepäck empfiehlt sich der optionale Frontträger oder ein nachgerüsteter Gepäckträger.
Tops
- optionaler Front-Rack
- entnehmbarer Akku
- Automatik-Schaltung
Flops
- geringe Übersetzungsbandbreite
- wenig Komfort
Mehr Informationen unter Hercules.com.
Words & Photos: Robin Ulbrich
