Der europäische Bike-Markt ist im Umbruch. Neue Player drängen mit Nachdruck ins Segment. Gleichzeitig verschwinden etablierte Namen in einer Geschwindigkeit, wie wir sie so noch nicht erlebt haben – und mittendrin eine US-Brand, die genau jetzt den Schritt über den Atlantik wagt: Aventon. Wir haben die „neue alte” Marke beim Europa-Launch begleitet.

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Darf ich mich vorstellen: Aventon

Aventon ist alles andere als ein Start-up. Die Marke existiert in den USA bereits seit 2013. Gegründet als Nischen-Brand für Fixie-Bikes im Großraum Los Angeles, hat sich das Unternehmen seitdem mehrfach neu erfunden. In den Anfangstagen war man bemüht, der Community, wie etwa College-Studenten – die häufig etwas knapp bei Kasse sind –, einen kostengünstigen fahrbaren Untersatz zu ermöglichen. Nachdem man mit dieser Strategie an der Westküste erfolgreich Fuß gefasst hatte, begann bereits ein Jahr später eine neue Etappe für Aventon: die Gründung eines eigenen Fixie-Bike-Racing-Teams, das sogar global einige Erfolge einfahren konnte. Fünf Jahre nach der Gründung der Marke betrat man 2018 mit dem ersten E-Bike Neuland. Der Umschwung zur reinen E-Bike-Brand dauerte dennoch nur zwei Jahre: Bereits 2020 nahm man analoge Bikes nach und nach aus dem Programm, das E-Bike-Portfolio ist hingegen rasant angewachsen.

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Aventon ist als Fixie-Brand gestartet.
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Mit ihren Race-Fixies und einem eigenen Team konnten sogar global Erfolge eingefahren werden.

Heute ist Aventon eine der größten E-Bike-Marken Nordamerikas. Rund 200.000 Bikes werden pro Jahr umgesetzt, verfügbar bei knapp 2.000 Händlern – Zahlen, die Gewicht haben. Und doch war da immer eine Vision, die größer war als der Status quo: Exploration, Abenteuer, Inspiration. In den USA gewachsen, aber für Europa noch nicht in Form gegossen. Genau das soll sich nun ändern. Mit einem für den europäischen Markt angepassten Produktportfolio will Aventon seine Mission konkretisieren: Adventure neu definieren.

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Die Analog-Bike-Palette musste nach ein paar Jahren den E-Bikes weichen. Seit 2020 sind alle Aventon-Bikes elektrisch unterwegs.

Brand Building für Beginner – Level: Europa

Aventon beginnt in Europa nicht bei Null. Die US-Brand-DNA ist klar: starker Adventure-Fokus, eigenständige Designsprache, hoher Wiedererkennungswert. Schon aus der Distanz fallen die Bikes durch ihre „Bold Silhouette” auf, wie es die Amis selbst beschreiben. Auf den zweiten Blick erweisen sie sich als praktische, robuste, moderne E-Bikes – ready to use. Und wer noch genauer hinschaut, entdeckt Hightech in Software und Connectivity.

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Doch lassen sich die US-Vorstellungen von Brand-DNA und Design einfach so auf Europa übertragen? Werfen wir einen Blick in die Autobranche: In den USA ist der Ford F-150 das meistverkaufte Auto, in Europa dominieren Modelle wie der Dacia Sandero oder der Renault Clio. Unterschiedliche Märkte, unterschiedliche Lebensrealitäten. Apropos unterschiedliche Lebensrealitäten: Wer sich dafür interessiert, wie die Uhren am Geburtsort von Aventon ticken – also in Los Angeles –, findet hier unseren Reisebericht in die Stadt der Engel.

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Auf dem US-Markt wie hier in Kalifornien kommt Aventon gut an. Ob Aventon in Europa Anklang findet, wird sich zeigen.
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Mit ihren Race-Fixies und einem eigenen Team konnten sogar global Erfolge eingefahren werden.

Zurück zu Aventon: Der einfachste Weg wäre gewesen, bestehende US-Modelle für den europäischen Markt zu zertifizieren und über den großen Teich zu uns zu verschiffen. Doch so wie man hier kaum einen Ford F-150 auf der Straße sieht, hätte auch dieser Ansatz zielsicher am Markt vorbeigeschossen. Also musste ein neues Brand-Positioning mit neuen Modellen her – statt einfachem Copy & Paste. Dabei spielt die Perspektive, die man bei der Modellentwicklung und Brand-Positionierung einnimmt, eine entscheidende Rolle für Aventon. Das Vorgehen war nicht, einfach Modelle nach bereits bestehenden Marktsegmenten zu entwickeln, die womöglich nicht zur eigenen Marke passen – und dann halbgare E-Bikes auf den Markt zu werfen, nur um ein vollumfängliches Portfolio abzubilden. Das Ziel war, von vornherein bestehende Probleme zu lösen. Drei Rider-Typen mit spezifischen Produktanforderungen hat man bei Aventon identifiziert, die zur Marke passen:

Die Product Forwards – das sind E-MTB-Fahrer, die Innovation suchen. Sie haben es weder auf das Premium- oder Prestige-Bike mit dem höchsten Preisschild abgesehen, noch gehören sie zu der eingeschworensten Hardcore-Gemeinde, die alle Neuerungen an Bikes erst einmal kategorisch ablehnt. Die Product Forwards suchen das E-Bike, das das Fahrerlebnis spürbar hebt.

Die Lifestyle-Choice-Biker – das ist, einfach gesagt, der Schlag an Menschen, die sich dazu entschieden haben, lieber auf das Zweirad als auf das Auto zu setzen, besonders in ihrer Freizeit. Die Gründe dafür sind vielfältig, und jeder kennt mindestens ein oder zwei von ihnen aus dem eigenen Freundeskreis, die mit dem Schloss um den Hals zum Open-Air-Konzert pendeln oder beim ersten Sonnenschein an der Strandbar oder am Baggersee abhängen und meist gute Laune verbreiten.

Die Pragmatiker – das sind Nutzer, die ein E-Bike wollen, weil es einfach funktioniert. Sie sind angetrieben von einem Wertoptimierungs-Mindset, wollen den Nutzwert ihres Bikes steigern und sich bei Problemen auf ein solides Händlernetz verlassen können.

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Der Fahrertyp „Product Forward“ versucht, das eigene Fahrerlebnis anzuheben …
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… Das kann in manchen Situationen auch einfach nur eine Packung aufgewirbelter Staub im Gesicht bedeuten.
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Zwischen einem Lifestyle-Choice-Biker und einem Pragmatiker liegen eigentlich Welten …
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… Doch Aventon will für beide Rider-Typen das passende E-Bike im Angebot haben.

Der Europastart ist kein Schnellschuss. Seit rund fünf Jahren wird entwickelt, analysiert, der Markt beobachtet und angepasst. Das Design entsteht inhouse – mit Teams in Los Angeles und Deutschland. Das E-Part-Engineering und die Software kommen aus China. Stößt man dabei auf Wissenslücken, darf man nicht eitel sein, sondern holt sich externe Hilfe ins Boot, wie z. B. vom renommierten kairn bike design lab aus Grenoble (wozu wir euch in Zukunft noch mehr berichten können). Ein globales Setup für einen differenzierten Markt also. Und die gute Nachricht für den amerikanischen Markt: Einige der neuen EU-Modelle werden später auch in den USA erhältlich sein. Europa dient hier also auf keinen Fall nur als Anhängsel, sondern als Impulsgeber.

Verkaufsargument #1: Own the Motor System – Own your Brand!

Marktentscheidend für Aventon ist ein Punkt, den viele Hersteller aus der Hand geben: die Kontrolle über das eigene Motorsystem. Zugegeben: Die Motor-Hardware wird vom chinesischen High-End-Zulieferer Gobao gefertigt. Aventon macht daraus keinen Hehl.

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Auf die neue Ultro-Plattform mit eigenen Motoren ist man bei Aventon besonders stolz. Sie wurden nach eigenen Vorgaben speziell für die neuen EU E-Bikes entwickelt.

Entscheidend ist etwas anderes: Aventon ist Gobaos größter Abnehmer und tief ins mechanische Engineering involviert. Bei Batterie, Software, Display und Remote hat die Marke das letzte Wort. Das schafft Unabhängigkeit – von Produktzyklen, die sich über Jahre erstrecken können, von Akku-Designs, die die Bezeichnung „Design” nicht verdienen, von Zwangs-Software-Updates oder vom zum Teil altbackenen Image, das manchen Motorsystemen anhaftet.

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Hat man bei Aventon eine Idee, wie beispielsweise eine Traktionskontrolle oder eine Anfahrhilfe am Berg mit eingebauter Überschlagschutzfunktion, setzt man sie sofort um. Und Aventon kennt seine Klientel und ihre Bedürfnisse. Die eigene App gibt hier den entscheidenden Aufschluss. Knapp 60.000 User nutzen laut Aventon die App, und 55 % davon sind aktive User. Der Anteil liegt hier weit über dem Durchschnitt. Die Kundendaten fließen direkt in die Entwicklung mit ein. Die bald erscheinende Motorenplattform hört auf den Namen Ultro. Mit weiteren Details dazu müssen wir uns leider fürs Erste zurückhalten. Nur so viel sei gesagt: Aventon betreibt ein Investment im großen Stil ins eigene System, wie man es nur bei wenigen E-Bike-Brands wiederfindet. Intern misst man sich an Avinox (DJI), die mit ihrer Motoren-Plattform 2024 den Markt einmal komplett auf links gedreht haben. Es lohnt sich also, in ein paar Tagen noch einmal auf unserer Seite vorbeizuschauen, wenn wir euch darüber mehr verraten dürfen – stay tuned.

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Egal ob Software oder Hardware: Ist man Herr über das eigene System, …
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…macht man sich unabhängig von fremden Produktlebenszyklen und kann Ideen schneller umsetzen.
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Apropos Konkurrenz: Ein weiterer ernstzunehmender Wettbewerber aus Sicht von Aventon ist Decathlon – nicht unbedingt aufgrund seines Bike-Sortiments, sondern wegen des Systems dahinter.

Network makes the dream work

Decathlon zeigt, wie stark ein integriertes Supply- und Servicenetzwerk sein kann. Eigene Stores, hohe Markensichtbarkeit, kontrollierte Prozesse. Genau dorthin will Aventon.

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Ein Marktstart, ohne lokale Bike-Shops einzubinden? Das geht nicht laut Aventon. Für all diejenigen, die sich beim Händler jedoch nur schwer zurechtfinden, bietet Aventon auch eine aufgeräumte Website zum Shoppen an.

Im Hintergrund entstehen Fertigungskapazitäten in Polen, weltweit werden neue Distributionsnetzwerke aufgebaut. In Europa setzt Aventon auf ein eigenes Customer-Service-Netzwerk. Falls doch mal etwas sein sollte, darf der Kunde nie allein dastehen. Zur Service-Strategie gehört, Ersatzteile bei größeren Händlern auf Vorrat anzulegen und Online-Helpdesks mit Videos und Dokumentationen sowohl für Händler als auch für Kunden bereitzustellen. Außerdem ist geplant, sich in das WUNDERFIX-Reparaturnetzwerk einzugliedern. Damit können Kunden sich bei Problemen per App mit geschultem Servicepersonal in Verbindung setzen.

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In den USA ist man für den Servicefall bereits gut aufgestellt. Mehrere bis an den Rand gefüllte Warehouses halten Bikes und Ersatzteile bereit. Eine erfolgreiche Expansion nach Europa erfordert ein weiteres Ersatzteilnetzwerk auf dem alten Kontinent.

Ab diesem Frühling sollen bundesweite Teststationen folgen. Die Strategie ist hybrid: Online-Direct-to-Consumer für flächendeckende Verfügbarkeit, parallel der Ausbau eines Fachhandelsnetzes als lokale Anlaufstelle.

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Niemand kauft freiwillig die Katze im Sack, besonders von einer Marke, die man nicht kennt. Direkt zum europäischen Marktstart sollen bundesweite Teststationen kommen – für Probefahrten, langes Fachsimpeln und den obligatorischen Tritt gegen die Reifen.

Doch zum Aventon-Netzwerk gehören noch mehr als die Händler. Vor der Kamera für Aventon steht Freeride-Legende Brett Tippie, der Aventon ein Gesicht und seine euphorische Energie verleiht. Hinter der Marke stehen die Menschen, die Aventon prägen und für den Europastart bereit machen. Ein wachsendes Team in den USA und Deutschland, das unermüdlich testet und entwickelt und auch die Marketing-Trommel rührt. Denn eine Brand besteht nicht nur aus Image und Bikes – sondern vor allem aus Persönlichkeiten, die mit Leidenschaft dahinterstehen und unser liebstes Hobby vorantreiben.

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Blake, Dennis, Cole und CEO JW sind mit Aventon auf Expansionskurs Richtung Europa.

Wie man sieht, fand bereits viel hinter dem Vorhang statt. Doch wie sieht nun der öffentliche Marktstart für Aventon in Deutschland genau aus? Selbst die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, und für Aventon ist das die Website. Unter de.aventon.com findet ihr alle Infos zum Marktstart.

Der Defibrillator für die Branche?

In unseren „Brixen Papers” formulieren wir so etwas wie die elf Gebote einer neuen Bike-Industrie – viele der dort beschriebenen Probleme und Lösungsansätze spiegeln sich im Ansatz von Aventon wider. Macht dieses Modell Schule? Der groß angelegte Markteintritt könnte für die europäische Bike-Industrie wie ein Defibrillator-Schock wirken: zunächst disruptiv, vielleicht schmerzhaft – langfristig aber stabilisierend.

Der erste Schritt ist getan. Jetzt wird sich zeigen, wie viel Adventure Europa wirklich verträgt. Wir wünschen viel Erfolg.

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Words: Rudolf Fischer Photos: Aventon

Wer schreibt hier?

Rudolf Fischer
Redakteur

In seinem früheren Leben war Rudolf in der Innovationsförderung tätig und hat Patentbewertungen im Millionen- und Milliardenbereich durchgeführt. Heute widmet er sich als Redakteur für DOWNTOWN und E-MOUNTAINBIKE nicht weniger spannenden Aufgaben. Als Data-Nerd beschäftigt er sich intensiv mit Zukunftsthemen wie Connected Mobility, testet aber natürlich auch gerne die neuesten Bikes, und zwar täglich. Entweder beim Pendeln oder zusammen mit dem Team bei unseren großen Vergleichstests. Der technisch orientierte Diplom-Betriebswirt ist so vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser. Beispiele gefällig? Rudolf beherrscht u. a. Front-, Side- und Backflip – zwar nicht auf dem Bike, aber per pedes in der Stadt. Seine Parkour-Karriere hat er mittlerweile jedoch an den Nagel gehängt. Darüber hinaus spricht er Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und etwas Esperanto. Beim Versuch, sich selbst Japanisch beizubringen, ist er jedoch kläglich gescheitert. Wichtig zu wissen: Im HQ ist Rudolf bekannt, gefürchtet und (manchmal auch) gehasst für seinen trockenen Humor im Ricky-Gervais-Stil. Natürlich lacht er am meisten selbst darüber …

DOWNTOWN Magazine

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Unsere Redaktion greift auf das Fachwissen der Teams von ENDURO, E-MOUNTAINBIKE und GRAN FONDO zurück und bündelt jahrelange Testpraxis, Marktkenntnis und technische Expertise. Alle Produkttests entstehen transparent und auf Basis nachvollziehbarer, praxisnaher Kriterien. In unseren hauseigenen Bildern legen wir viel Wert auf Ästhetik – schon 2012 haben wir in Metropolen wie Shanghai und St. Tropez mit einer einzigartigen Bildsprache neue Maßstäbe gesetzt. 

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